Was ist Taizé?

Was ist Taizé – ein Erfahrungsbericht von Karina Weber, April 2012

Man stelle sich einen großen Raum vor. In diesem Raum sitzen auf dem Boden, der bloß dünn mit Teppich ausgelegt ist, mehrere tausend Jugendliche. So ein Ort ist kaum vorzustellen und noch weniger ist zu glauben, dass sie dort sitzen und beten. Ja ihr habt richtig gehört, sie sitzen dort und singen und beten zu Gott und das sogar drei Mal am Tag bei schwachem Licht. Die Texte, die sie singen sind leicht und doch schwer, denn die Jugendlichen kommen aus allen Ländern und sprechen verschiedene Sprachen. Der eine Portugiesisch, der andere Deutsch, die Holländisch, der Dänisch, die Englisch, alles ist dabei und trotzdem singen sie zusammen, leben sogar zusammen, obwohl sie sich nicht kennen, teilen sie sich ihre Unterkunft und kommen mit dem Nötigsten aus. Es gibt keine Extras, Luxus ist hier schon das warme Duschwasser und der warme Tee am kalten Morgen ist das ultimative Extra. Alles läuft friedlich, die Welt scheint still zu stehen. Sobald man die Tore auf Taizé zu durchschreitet, betritt man eine andere Welt,  wo man nicht mehr weiß, welchen Tag die Außenwelt hat. Jeder Tag ist vom Ablauf gleich, es ist egal,  was für ein Tag es ist. Sobald man angekommen ist, ist man in einer erst fremden Welt, die immer mehr zu einem Zuhause wird. In dieser Welt zählen Werte, jeder ist gleich und man kann seine Sorgen vor den Toren lassen. Man hat hier die Zeit sich an Dinge, die man zuhause nicht verarbeiten kann, anzunähern, man kann hier aufarbeiten was man sonst nur verdrängt und vor sich her schiebt. An diesem Ort ist man allein und doch in einer Gemeinschaft, denn  man hat viel Zeit über sich nachzudenken und lebt mit anderen zusammen, die dasselbe tun. In dieser Welt kann man Kraft schöpfen, in dieser Idylle kann man Ruhe finden.

Wenn die Sonne in Taizé aufgeht, erwachen die ersten in ihren Zelten. Viele strömen zum morgendlichen Gebet. Die ersten Gesänge erklingen. Nach dem Gebet geht es zum Frühstück. Es ist einfach gehalten und doch ist für jeden etwas dabei, Brot und Schokolade stärken die Jugendlichen für den Tag. Die ersten gehen arbeiten, hier wird jede Hand gebraucht. Anderes würde es nicht gehen, schließlich muss man bedenken, dass Tausende von Jugendlichen auf die Toilette gehen wollen, duschen wollen und etwas essen müssen. Nach dem Mittagessen geht es wieder zum Gebet, nun ist die Kirche noch voller. Doch die Gebete laufen nicht so ab wie bei uns die Messen oder Gottesdienste. Kennst du das Gefühl, wie es ist wenn Tausende sitzen und schweigen, einfach nichts sagen und zusammen nachdenken, jeder etwas anderes denkt, aber man trotzdem ein Gefühl von Gemeinschaft hat? Es herrscht einfach Stille, das einzige, was man ab und an hört ist ein Husten oder Niesen, ganz vereinzelt auch mal ein Weinen, wenn Gedanken zu sehr rühren.  Dieses Gefühl kann man kaum in Worte fassen, man muss es selber erlebt haben, wie es ist, wenn sich tausende Stimmen danach wieder erheben. Nach dem Gebet müssen die einen wieder arbeiten oder zur Bibelstunde gehen. Bibelstunde, das klingt total langweilig, doch das ist es gar nicht. Die Jugendlichen, die aus verschiedenen Ländern kommen, unterhalten sich über private Dinge. Da kommen alltägliche Fragen, die das Nachdenken noch mehr ankurbeln. Wer ein Freund ist, was ein Freund macht, was Eifersucht ist und wie sie entsteht, was Hass und was Liebe ist, all so was wird in den kleinen Gruppen besprochen.

Meistens hat man danach noch ein wenig Zeit. Ein Gang zur Quelle der Stille lohnt sich immer.  Dort kann man seinen Gedanken wieder Raum geben, kann sich in der Schönheit der Natur ganz sich selber widmen ohne nervige Geräusche. Das Plätschern der Quelle, das Zwitschern der Vögel ist das, was man hört und was die Seele noch mehr erquickt.

Abends sitzt man in der Sonne mit den Tabletts auf den Knien, ein Teller und eine Schale, dazu ein Löffel, das ist alles was man braucht. Messer und Gabeln werden überbewertet. Das Essen ist kein Gourmet-Essen und trotzdem ist es faszinierend.  Hier, wo das Nötigste ausreicht und die Uhren anderes gehen, hilft man sich auch beim Essen. Hier tauscht man das Obst gegen den Keks und den Jogurt gegen das Brot. Wieder sitzen die Tausenden von Jugendlichen auf dem Boden, doch diesmal um zu essen. Man unterhält sich mit dem Nebenmann, egal ob bekannt oder nicht, egal aus welchem Land er kommt, egal was für eine Sprache er spricht, was für eine Hautfarbe er hat oder welcher Konfession er angehört. Alle respektieren sich und helfen sich, bei der Arbeit, bei Schwierigkeiten.

Man ist nie allein und doch kann man es sein, wenn man es braucht.

Die Glocken läuten wieder, es ist Zeit zum Abendgebet. Die Kirche ist nun noch dunkler, da kein Licht mehr durch die kleinen Fenster fällt. Am Ende des Gottesdienstes verteilen sich die Brüder in der Kirche, jeder kann zu ihnen gehen, mit ihnen reden oder beten. Danach geht es entweder zum Oyak oder sofort in die Baracken bzw. Zelte. Am Oyak spürt man das Leben, dort wird gesungen, getanzt und gelacht. Dort kann man sich abends noch etwas zu essen holen, falls die Linsen doch nicht so gut ankamen. Doch viele sind schon schnell müde und gehen zu ihrer Schlafstelle. Denn schon am nächsten Morgen beginnt der Tag von neuem. Das Faszinierende an jedem Tag ist, das jeder gebraucht wird, jede Hand nötig ist und jeder dort wichtig ist. Denn würden die Jugendlichen nicht mithelfen, würde Taizé nicht funktionieren.

Es gibt natürlich auch besondere Tage, wie zum Beispiel den Karfreitag. An diesem Tag endet das Abendgebet nicht, die ganze Nacht erklingen Lieder, die ganze Nacht gehen immer wieder welche zum Kreuz, was nieder gelegt wird, um zu beten und ihre Sorgen mit Gott zu teilen. Die Schlange dafür ist lang und besteht bis tief in die Nacht, bis zum nächsten Morgen. Doch noch fesselnder ist der Ostersonntag, beim Morgengebet bekommt jeder eine Kerze.  Langsam bewegt sich dann die Osterkerze durch die Kirche und an alle wird das Licht weiter gegeben. Jeder bekommt von seinem Nebenmann eine kleine Flamme. Eine kleine Flamme, die man vor dem Ausgehen bewahren möchte. Man hält schützend die Hand vor sie, denn diese Flamme ist die Flamme des Lebens, sie verkündet die frohe Botschaft. Auch wenn die Geste noch so klein ist, mit der der fremde Nebenmann einem dieses Feuer weitergibt, diese Botschaft zeigt, es zaubert ein Lächeln auf das Gesicht. Nach kurzer Zeit schon brennen über 4000 Kerzen in einem Raum, jeder hält seine eigene Flamme und jeder ist Empfänger und Überbringer der frohen Botschaft des Lebens.

Taizé ist ein Ort, den man nur schwer beschreiben kann, der vielseitig ist und für jeden etwas anderes bedeutet. Mir hat er gezeigt, wie wichtig es ist sich mit sich selber zu beschäftigen, wie wichtig es ist in einer Gruppe nachzudenken, obwohl man für sich denkt.